Dreißig Meter unter dem dunklen Spiegel des Bodensees lag die Lounge der Basis ATLANTIS, ein Raum, der wie ein vergessener Traum zwischen den Welten schwebte. Die Wände waren aus einem durchscheinenden Polymer, das das Wasser draußen in ein sanftes, bläuliches Licht tauchte. Fische glitten vorbei, als wären sie Boten einer anderen Zeit. Die Modernisierung war abgeschlossen, und heute Abend feierte man nicht nur die neue Technik, sondern auch das, was sie bedeutete: weitere Zeit im Verborgenen, ein weiteres Jahrzehnt des Wartens.
Commander Jochen Vruznicek stand am Rand der Lounge, ein Glas des terranischen Weins in der Hand, den er seit Jahrzehnten bevorzugte. Er beobachtete die Offiziere, die in kleinen Gruppen beisammenstanden, lachten, diskutierten. Doch sein Blick blieb an Katerina Pouledoris hängen, der Griechin, die die Renovierung geleitet hatte. Sie war jung, zumindest im Vergleich zu ihm, und ihre Augen funkelten mit einer Energie, die er längst verloren glaubte.
„Sie haben ganze Arbeit geleistet, Pouledoris“, sagte er, als sie zu ihm trat. „Die Basis sieht aus, als wäre sie gestern erst neu gebaut worden.“
Sie lächelte. „Danke, Commander. Aber Sie wissen, dass es nicht nur um die Optik geht. Die neuen Energiespeicher, die verbesserten Tarnfelder – wir sind jetzt noch unsichtbarer, noch effizienter.“
Vruznicek nahm einen Schluck. „Unsichtbar. Das ist das Problem, nicht wahr? Wir sind hier, seit die Pyramiden noch neu waren, und was hat sich geändert? Die Menschen bauen immer noch Mauern, immer noch Bomben, immer noch die gleichen Fehler.“
Katerina lehnte sich gegen die durchsichtige Wand, hinter der ein Schwarm kleiner Fische vorbeizog. „Sie sind zu hart mit ihnen, Commander. Die Geschichte ist kein Kreis, sie ist eine Spirale. Die Menschen lernen, nur langsam.“
„Langsam?“ Er lachte trocken. „Ich habe die Geschichte der Erde genau studiert. Den Dreißigjährigen Krieg. Die Weltkriege. Ich habe gesehen, wie sie die gleichen Lügen in neuen Verpackungen verkaufen. Wie oft soll man noch hoffen?“
„Weil es immer welche gibt, die es besser machen wollen.“ Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Ihre Generation hat das Internet erfunden, Commander. Meine Generation nutzt es, um Wissen zu verbreiten, wie nie zuvor in der Geschichte. Die Kinder, die heute geboren werden, werden in einer Welt aufwachsen, in der Informationen nicht mehr kontrolliert werden können. Das verändert alles.“
Vruznicek blickte in sein Glas. „Oder sie ertrinken in der Flut und wissen am Ende nicht mehr, was wahr ist und was nicht.“
„Vielleicht.“ Katerina zuckte mit den Schultern. „Aber ist das nicht immer so gewesen? Wir, die wir von den Sternen kommen, haben auch nicht alle Antworten. Aber wir haben die Pflicht, zu glauben, dass es weitergeht. Dass es besser wird.“
Der Commander schwieg einen Moment. Draußen, jenseits des Wassers, lag die Stadt, unsichtbar für die Menschen, die über ihnen lebten. „Ich wünschte, ich hätte Ihren Optimismus, Pouledoris.“
„Sie müssen ihn nicht haben“, erwiderte sie. „Sie müssen nur zulassen, dass andere ihn für Sie tragen.“
Er lächelte zum ersten Mal an diesem Abend. „Dann hoffe ich, dass Sie recht behalten. Und dass ich mich irre.“
Die Lichter der Lounge spiegelten sich in ihren Gläsern, während draußen, in der Tiefe, die Strömung des Sees die Geheimnisse der Zeit mit sich trug.
