Samstag, 27. Februar 2021

Der Zeitplan

 


Das wievielte Gespräch war das eigentlich an diesem Tag? Mittlerweile war es Abend und Commander Jung fühlte sich ausgelaugt. Jetzt würde sie sogar ein Glas von Peltzers Milchersatz trinken, ganz egal. Dann raffte sie sich wieder zusammen. Sie nahm den Ruf an - es war wichtig.

Ein Mann mit Brille erschien auf dem Bildschirm, den sie auf Mitte oder Ende 40 schätzte. "Commander McCrae?", fragte sie.

"Derselbe, der heute auf dem Raumhafen der ATLANTIS mit dem Shuttle angekommen ist und mit dem Elektromobil hundertfünfzig Kilometer weiter gefahren wurde, nur um jetzt per Bildübertragung mit Ihnen zu sprechen", antwortete der Mann. "Wieso haben wir nicht einfach ein Gespräch auf der ATLANTIS geführt?"

Natascha saß da und sagte nichts. Ihr Gehirn fühlte sich an, als würde es aus Soufflé bestehen, das gerade in Gefahr geriet, in sich zusammenzufallen. Die letzten Wochen waren chaotisch genug und ejtzt auch noch das. Irgendjemand hat beim Planen einen Fehler gemacht. Das ärgerte sie, änderte aber nichts. Noch dazu, da die Pläne sowieso ständig geändert wurden. Wie jetzt auch.

"Ich habe keine Ahnung", sagte sie ehrlich. "Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Die Admiralität hat mir gerade vor... ich weiß nicht wann. Es war heute, sehr zur meiner Überraschung. Also." Sie bemerkte, dass ihr Satz wie ein Verkehrsunfall formuliert war, also fing sie nochmal von vorne an: "Was ich sagen wollte, es gab noch eine Änderung in der Planung."

"Warum wundert mich das nicht", fiel ihr McCrae ins Wort.

"Ja, aber in dem Fall ist es wohl ernst. Wir haben das Problem, dass unsere Infrastruktur von Konzernen aufrecht erhalten wird und etwas... vulnerabel ist."

"Das haben Sie sehr schön formuliert. 'Instabil' wäre das Wort gewesen, das mir eingefallen wäre. Aber egal, was ist los?"

"Tatsächlich haben wir einen Agenten des Ungesehenen Imperiums auf VERIS BASTION enttarnt. Das Ablenkungsmanöver hat also wunderbar funktioniert. Leider hat dieser Agent gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt und seinen Leuten Bescheid gegeben. Er hat zwar nicht herausgefunden, was unser Plan ist, aber der Feind ist gewarnt. Wir wollten zunächst den Zeitplan trotzdem einhalten, aber..."

"Nicht 'aber', Commander", meinte McCrae. "Das ist so ein hässliches Wort."

"Doch, leider gibt es ein 'Aber'", stellte Natascha fest. "Ihre Basis befindet sich ja bei Seeweiler, da haben wir verschiedene Dependancen und wir haben eine ungewöhnliche Aktivität von lokaltemporaler Energie festgestellt. Irgendjemand hat ein Feld aufgebaut, das dem Feld des RASTERS sehr ähnlich ist. Wir waren das aber nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass noch mehr Agenten des Ungesehen Imperiums tätig sind und dass das so in Ihrer Nähe stattfindet, beunruhigt uns. Deswegen können wir nicht länger warten. Ich hätte zwar gern den Techniker von VERIS BASTION bei Ihnen gewusst, aber jetzt muss es so gehen. Der Techniker kommt nach. Er hat bereits eine Kanalverschränkung vorgenommen. Jetzt liegt es am Technikpersonal der HEXAPHYRON. Übernehmen Sie die Sendungen von VERIS BASTION und deren Koordination. Auf Befehl von ASTROCOHORS startet jetzt sofort die OPERATION ENTDUMM DICH!"

"Verstanden", antwortete McCrae knapp.

ASTROCOHORS plant diese Aktionen - und Nummer 3 wird Dich überraschen!

 Commander Natascha Jung sah das Glas, das auf ihrem Schreibtisch stand, skeptisch an. Die Flüssigkeit, die sich darin befand, war weiß. Ein unbedarfter Beobachter hätte vielleicht geschätzt, dass es sich dabei um Tiermilch handelte. Tiermilch zu trinken war auf dem Planeten Terra noch sehr verbreitet, auch wenn damit verschiedene negative Dinge verbunden waren. Massentierhaltung zum Beispiel.


Wenn der unbedarfte Beobachter dann auch noch ein Bekannter von Commander Jung war, hätte er umso vermutet, dass es sich dabei um Tiermilch handelte. Dieser Bekannte hätte vermutlich gewusst, dass Natascha eine regelmäßige Milchtrinkerin war. Doch er - oder sie - hätte sich in diesem Fall geirrt. Denn die weiße Flüssigkeit in dem Glas war keine Tiermilch.

Der skeptische Blick der Kommandantin wanderte von dem Glas nach oben zu der Person, die neben ihr stand. Dabei handelte es sich um ihren Adjutanten Peltzer. Er hatte ihr das Glas hingestellt und die Flüssigkeit eingeschenkt.

"Peltzer", sagte sie, "es war Mittwoch, als ich den Posten hier übernommen habe. Am selben Tag wurden Sie mein Adjutant. Und das ist schon der dritte Versuch, mich von Milch abzubringen."

"Jeden Tag ein neuer Versuch", stellte Peltzer fest.

"Ich schätze es ja eigentlich, wenn jemand beharrlich ist", stellte Jung fest, "aber in einem gewissen Maße ist es auch nervig. Donnerstag früh haben Sie es gleich mit Soja probiert."

"Das war ein totaler Reinfall", ergänzte Peltzer.

"Das kann man wohl sagen", entgegnete die Kommandantin. Sie schüttelte sich. Diese Sojamilch - durfte man sie eigentlich als "Milch" bezeichnen? - hatte einen unangenehmen Geschmack und einen noch unangenehmeren Nachgeschmack. Der Geschmack hatte Natascha an Gips erinnert. Der Geruch von Gips, nur halt als Getränk. Und der Nachgeschmack - buah! Als hätte sie einen ordentlichen Schluck aus der Kloake genommen. Peltzers Erklärung, dass man Sojamilch eigentlich eher dazu benutzt, um sie mit Geschmack zu versehen, hatte dabei nicht sonderlich geholfen. Sie trank gerne Milch, weil ihr diese auch ohne Geschmackszusatz schmeckte. Wenn man Vanille- oder Schokogeschmack hinzugeben musste, damit die eigenen Geschmacksnerven nicht gegen das Getränk rebellierten, war ihrer Meinung nach der Sinn verfehlt. Sicher, viele Menschen nahmen Tiermilch nur als Zusatz in Getränken wie zum Beispiel Kaffee. Aber so war sie eben nicht. 

Allerdings kannte sie auch die Politik von ASTROCOHORS, die direkt aus dem Hauptquartier kam und sie wusste auch um die Dringlichkeit. Die Erde hatte ein Problem und das Wegkommen von tierischen Nahrungsmitteln sollte mit hoher Priorität durchgeführt werden. Aber man musste die Leute halt eben auch überzeugen. Und überzeugen konnte man sie am besten, wenn man ihnen etwas anbot, das sich dazu eignete, das entsprechende Nahrungsmittel irgendwie zu ersetzen.

"Was ist das?"

"Ein Mandeldrink." Peltzer seufzte. "Hergestellt aus Mandeln", fügte er überflüssigerweise dazu.

"Was Sie nicht sagen", brummte Jung. "Woraus es hergestellt wurde, ist mir eigentlich egal, Hauptsache es schmeckt nicht wieder wie ein Laternenpfosten."

Peltzer nickte. Dann zog er die Stirn in Falten. "Commander", fragte er, "woher wissen Sie, wie ein Laternenpfosten schmeckt?"

"Das war nur ein Spruch!", blaffte sie. Dann nahm sie das Glas in die Hand. Am Tag zuvor hatte Peltzer versucht, ihr den Haferdrink nahezubringen. Es war nicht so schlimm wie am Tag zuvor das Soja. Nur der Haferdrink schmeckte so, als hätte jemand seine Haferflocken zum Frühstück in Wasser eingelegt und zum Abend das Zeug durch ein Sieb gelassen, so dass der Pamps vom Drink getrennt wurde. Und der Drink schmeckte... na ja, nach wässrigen Haferflocken halt. Das war alles. Auch kein wirklicher Ersatz für ihre geliebte Milch.

Okay, tapfer dorthin, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist, feuerte sie sich selbst im Geist an. Dann nahm sie einen Schluck. Sie ließ die Flüssigkeit durch ihre Mundhöhle laufen und schluckte sie runter. Dann wartete sie.

Leider passierte irgendwie nichts. Sie schmatzte vor sich hin wie bei einer Weinprobe, aber auch das änderte nichts.

"Was ist los?", fragte Peltzer besorgt.

"Nichts", antwortete die Kommandantin, "und genau das ist das Problem! Ich schmecke... einen Hauch von Mandel und sehr viel nichts. Ich möchte wetten, bei der Herstellung von diesem Drink hat sich jemand vor einem Bottich voller Flüssigkeit hingestellt, eine Mandel hochgehalten und zu der Flüssigkeit gesagt: 'Siehst Du diese Mandel hier, Flüssigkeit? Genau so musst Du schmecken!' Und dann hat man das Zeug in Tetrapacks abgefüllt."

"Also auch wieder ein Fehlschlag", stellte der Adjutant niedergeschlagen fest.

"Ich fürchte, so wird das nichts mit dem Plan von ASTROCOHORS, mehr pflanzliche Nahrungsmittel in die Organisation zu bringen", entgegnete Jung. "Gerade diese Getränke, die Tiermilch ersetzen sollen, die schmecken entweder nach Nichts oder sie schmecken... schlecht. Mal ganz davon abgesehen, haben Sie sich die Budgetkalkulation mal angesehen? Diese Getränke kosten teilweise das Fünffache dessen, was wir sonst für Milch bezahlen. Die im Hauptquartier haben gut reden. Ja, sie haben natürlich Recht, das will ich gar nicht abstreiten - wir müssen wegkommen von den Sachen, die die Umwelt so schwer belasten. Aber wir brauchen eine größere Lösung! Es geht nicht, dass man uns hier das aufdrückt und dann nicht mal das Budget erhöht. Und es müssen Lösungen gefunden werden, die die Leute auch annehmen! Ich bin nicht das Problem, Peltzer! Ich bin bereit, diese Dinge auszuprobieren, aber umgekehrt muss man auch bereit sein, meine Ansichten, meine Meinung und meinen Geschmack anzunehmen! Das Schwierige kommt erst dann, wenn man Leute überzeugen muss, die nicht mal bereit sind, das zu tun."

PING!

Das Benachrichtigungsgeräusch lenkte sie ab. Natascha bewegte ihren Drehstuhl in Position, so dass sie nun genau vor ihrem Schreibtisch saß. "Das wird die Admiralität sein", stellte sie fest. "Peltzer, ich muss Sie nun bitten, den Raum zu verlassen. Und nehmen Sie diesen Hauch von Mandel mit. Ich weiß, dass wir es bereits in der Kantine anbieten, aber meine Geschmacksnerven können damit nichts anfangen."

Peltzer nahm enttäuscht das Glas und trug es aus dem Raum. Nachdem er zur Tür herausgetreten war und sich diese automatisch hinter ihm geschlossen hatte, legte sie ihre Hand auf die Erkennungsplatte, die in ihrem Schreibtisch eingearbeitet war.

ASTROCOHORS CLUB Hauptquartier auf Island.

"Jung, Natascha, Commander - Identität bestätigt", sagte die Stimme von ARNOLD, bevor sie den in der Schreibtischplatte versenkten Bildschirm hochfuhr. Der Bildschirm aktivierte sich selbstständig und zeigte das Logo vom ASTROCOHORS CLUB an. Dann verschwand das Logo und eine Frau in Uniform erschien. Der Untertitel sagte, dass die Bildverbindung direkt aus dem Büro von Captain Jocelyn J. Piquet kam. Das war die Dame, deren Konterfei auf dem Bildschirm zu sehen war.

"Commander Jung?", fragte sie. "Wie sieht es aus mit der Vertraulichkeit?"

"Mein Adjutant hat den Raum verlassen", antwortete Jung, "und mit der Aktivierung dieses Gesprächs wurde auch das Sicherheitsprotokoll aktiviert. Dieser Raum ist abgeschottet und es hört uns niemand zu."

"Formidable! Die letzten Tage hatten wir hier etwas Stress in unserem Hauptquartier, wir mussten ein paar Neustrukturierungen vornehmen, aber wir haben es soweit geschafft. Wie sieht es bei Ihnen aus? Sie sind ja ziemlich neu auf ihrem Posten."

Natascha grinste. "'Neu' ist noch übertrieben", entgegnete sie. "Aber ich war lange Jahre die Adjutantin von Admiral Vruznicek. Ich war in den frühen Phasen dieses Projekts mit dabei, ich habe den Zusammenbruch des RASTERS miterlebt und all das. Ich denke, ich bin gut reingekommen."

Die Kapitänin nickte wissend. "Ich möchte nicht schon wieder 'formidable' sagen, aber seien Sie sich meiner Anerkennung gewiss. Dann sind Sie also bereit, mit in den Verbund einzutreten?"

"So bereit wie man nur sein kann! Ich hatte bereits mit VERIS BASTION Kontakt aufgenommen und die Einzelheiten geklärt. Sie schicken einen Techniker, der mit dem Projekt ebenfalls vertraut ist. Dann können wir sofort loslegen."

Piquet hob die Hände. "Immer langsam mit den jungen Pferden!", beschwichtigte sie. "Dieser Techniker kann gerne alle Vorbereitungen treffen, aber wir haben einen Zeitplan, an den wir uns halten müssen, sonst endet das - mal wieder - im Chaos. Übrigens hat das GALAKTIKUM in seiner letzten Sitzung die Erde teilweise als 'failed planet' eingestuft, wir müssen unsere Aktivitäten also verstärken."

"Failed planet? Versagt? Wie kam dieses Urteil zustande?"

"Teile von so genannten 'zivilisierten' Ländern hängen Aberglauben und Verschwörungsmythen an und lassen jede Art von Rationalität vermissen. Und zwar genau dort, wo sie am nötigsten ist. Das GALAKTIKUM hat die Erde unter 'auf Bewährung' gesetzt. Wir müssen jetzt zusehen, dass es dazu kommt."

"Was soll überhaupt diese ganze Heimlichkeit und das Manöver mit VERIS BASTION? Das kapiere ich nicht. Wenn die Zeit so drängt, können wir doch einfach anfangen!"

"Wir haben ein Problem", gab Piquet zu. "Unsere Infrastruktur ist zu sehr abhängig von diesen Konzernen und Gesellschaften. Wir haben VERIS BASTION in Betrieb genommen, um sie in den Flottenbetrieb zu integrieren. Dass wir sie jetzt - kurzfristig - für etwas anderes verwenden, soll nur ablenken. Aber wenn es die zerstörerischen Kräfte auf der Erde in Aufruhr versetzt, soll uns das nur recht sein. Wir müssen die Leute zu uns locken und..."

"Und?"

Piquet blickte sie ernst an. "Nochmal die Frage: Wie sieht es aus mit der Vertraulichkeit?"

Du meine Güte, dachte Natascha, die nimmt das aber genau. Doch sie erkannte, dass darin eine Vorsicht lag, die aus Erfahrung geprägt war. Also kontrollierte die Kommandantin nochmal alle Einstellungen. Der Raum war abgeschottet und abhörsicher. Der Kanal, über den sie mit der Kapitänin kommunizierte, war ebenfalls gesichert. Und außer ihr war niemand im Raum.

"Wie gerade eben", bestätigte Jung, "alles ist gesichert."

"Bon!", kam es zurück. "Also, ASTROCOHORS plant diese Aktionen..."

Mittwoch, 24. Februar 2021

Bitcoin, Bitcoin, Du musst wandern...


 

Nun also war es endgültig soweit. Admiral Vruznicek klopfte sich selbst auf die Schulter. Das Büro im so genannten "Gebäude 1" der Basis ATLANTIS würde nicht länger mehr sein Büro sein. Er war nun reif für die Rente. Dagegen hatte er sich nicht gewehrt, er fand selbst, dass es an der Zeit war. Er war vor ein paar Tagen 80 Jahre alt geworden. Allein dass er in den letzten paar Jahren diesen Karrieresprung hingelegt hatte, war schon erstaunlich. Vom Commander zum Admiral. Nun ja, den Admiral hatte man ihm noch einen Monat zuvor verpasst, vermutlich um sein Lebenswerk zu ehren, bevor er den Abgang machen würde.

Das Büro sah aus wie immer, der Schreibtisch, die Wände mit den elektronischen Bildern (die in Wahrheit kleine Monitore waren) und die Tür, die hinausführte, vor das Gebäude und an den See. Das würde er vermissen. Aber man hatte ihm schon eine Wohnung in der ATLANTIS zugewiesen. Seine Dienstwohnung würde sein Nachfolger übernehmen.

"Computer", sagte er in den Raum, "alles vorbereiten für die Dienstübergabe."

ARNOLD, der Computer der ATLANTIS, piepte nur zur Bestätigung. Dann tat sich erstmal nichts. Dann tat sich etwas, das Vruznicek erschrecken ließ. Einer der elektronischen Bildrahmen änderte das Bild, das sich in ihm befand. Zuvor hatte man dort das Konterfei seines Vorgängers gesehen. Und nun...


Weia!, dachte Vruznicek, entweder ist das Bild nicht sehr schmeichelhaft oder ich sehe wirklich so aus.

Aber das war Tradition. Seit dem ersten Kommandanten, Commander Elmar Perkins, wurden die Bilder im Büro ausgestellt, um den jeweils aktiven Commander an die großen Vorbilder zu erinnern. Oder so ähnlich. Es gab einen Grund.

Die Tür zum Flur ging auf. Vruznicek wusste, wer hereinkommen würde. Natürlich seine Adj-

...nein...

...seine ehemalige Adjudantin Natascha Jung. Seine rechte Hand - und seine linke, wenn er eine brauchte. Sie hatte ihm sehr oft geholfen, seine Aufgabe gut erledigen zu können.

"Admiral", sagte sie, "ich denke, es ist soweit."

"Ja", sagte Vruznicek fast geistig abwesend. "Die Nachfolge ist geregelt und jemand anders wird in Zukunft an diesem Schreibtisch sitzen."

"Es wird nicht mehr das selbe sein", meinte Jung.

"Nein", antwortete Vruznicek, "es wird besser sein!"

Sie schob die Augenbrauen nach oben. Wurde der alte Mann sentimental?

"Commander Natascha Jung", sagte Vruznicek plötzlich im Befehlston, "sind Sie bereit, Ihre neue Aufgabe zu übernehmen?"

"So bereit, wie man nur sein kann, Sir!", antwortete sie.

"Löbliche Einstellung", fand der Admiral und sprach erneut in den Raum: "Computer! Vruznicek, Admiral, mustert ab. NFB80ST7K. Übergabe an Commander Jung."

"Verstanden", antwortete die Stimme von ARNOLD. "Admiral im Ruhestand Vruznicek ist als kommandierender Offizier der Basis ATLANTIS abgemeldet. Bestätigung von Commander Jung benötigt."

"Bestätige, Jung, Commander. NH74MJKB1. Bereit zur Übernahme."

"Danke", kam es zurück. "Commander Jung ist offiziell kommandierender Offizier der Basis ATLANTIS. Guten Tag, Commander, willkommen in Ihrem neuen Tätigkeitsfeld. Sie haben eine neue Nachricht mit oberster Priorität."

Vruznicek lächelte. "Geht wohl gleich los", meinte er.

"Ja, Sie kennen das ja - keine Pause!" Sie seufzte. "Machen Sie es gut, Admiral!"

"Danke - machen Sie es auch gut, Commander!"

Dann drehte er sich um und ging. Er ging einfach. Eine Ära war beendet worden. Und er ging einfach. Manchmal ist das so. Natascha sah ihm nach. Dann zupfte sie ihre Uniform gerade und ging zum Schreibtisch. Sie wusste genau, woher die Nachricht kam. Natürlich war sie in die ganze Aktion eingeweiht gewesen, schließlich hatte sie den Admiral dabei beraten. Und jetzt war es ihre Sache.

"Computer", befahl sie, "schaffe mir eine Verbindung zu VERIS BASTION..."

Freitag, 7. August 2015

ASTROCOHORS: Basis ATLANTIS


Commander Vruznicek sah von seiner Arbeit auf, wobei ihm das kleine Display ins Auge fiel, das am Rand seines Schreibtisches, direkt neben dem Foto von seiner vierten Ehefrau und deren Töchter. Das Display hatte eine Funkverbindung zu einem kleinen Sensor mit Sender, der draußen, an der Seitenwand des Gebäudes im Schatten angebracht war.

Das Gebäude wurde im Dienstgebrauch nur als "Gebäude 1" bezeichnet, es hatte drei Stockwerke und ein Dachgeschoss. Auf dem Dach befand sich eine Solaranlage, die das Gebäude bei schönem Wetter mit Strom versorgte. Und schönes Wetter hatte man hier, am Bodensee, häufiger. Vor allen Dingen jetzt, da man so langsam merkte, dass der Klimawandel eben doch kein Hirngespinst, sondern sehr real war.

Vruzniceks Büro befand sich im Erdgeschoss des Gebäudes. Es hatte eine große Glasfront, durch die man den Bodensee sehen konnte. Die Ausstattung des Büros war so, wie man sie erwartet hätte, sehr zweckmäßig, ein Schreibtisch, ein paar Schränke. Der Commander wischte sich den Schweiß von der Stirn. "28 ° Celsius" stand auf dem Display. Das war die Außentemperatur. Aber es waren für den heutigen Tag noch weit höhere Temperaturen angezeigt. Vruznicek atmete tief durch und setzte sich aufrecht hin.

"Ich werde zu alt für diese Scheiße", murmelte er vor sich hin.
"Commander, was muss ich da hören?", wurde er von einer weiblichen Stimme getadelt. Der Angesprochene zuckte zusammen und drehte sich mitsamt dem Stuhl, auf dem er saß, um. "Wie lange stehen Sie schon da?", fragte er etwas empört.
Natascha Jung lächelte verlegen. "Ich bin eben erst reingekommen. Aber trotzdem: Was muss ich da hören, Commander?", meinte sie.
"Soll ich es Ihnen aufschreiben?", knurrte Vruznicek und wiederholte betont: "ICH-BIN-ZU-ALT-FÜR-DIESE-SCHEISSE!"
"Zugegeben, Sie sind kein junger Hüpfer mehr...", fing Natascha an, wurde aber sogleich unterbrochen: "Augenblick mal - für wie alt halten Sie mich?"
Sie blies eine der blonden Locken aus dem Gesicht, die nach vorne gefallen war. "Vruznicek, Jochen", sagte sie fast mechanisch, "Kind eines tschechischen Vaters und einer deutschen Mutter, geboren am 28. Januar 1941 in Iserlohn. Wenn mich meine Rechenkünste nicht völlig im Stich lassen, sind Sie dieses Jahr 74 Jahre alt geworden."
Vruznicek drehte sich zerknirscht zurück zum Schreibtisch. "Ich vergesse immer wieder, warum Sie so eine verdammt gute persönliche Assistentin sind, Natascha", meinte er. "Aber ja, 74. Keiner sollte so lang arbeiten müssen."
"Was ist denn mit Ihnen los? So kenne ich Sie ja gar nicht?"

Vruznicek verzog das Gesicht. Auf dem Bildschirm, der vor ihm stand, war noch immer das Schlussbild der Videodatei zu sehen, die er eben betrachtet hatte. Eingefroren in der Bewegung war ein vielleicht 60jähriger Mann mit hohem Haaransatz zu sehen, dessen Nase aussah wie der Schnabel eines Adlers. Jung schielte an Vruzniceks hoher Stuhllehne vorbei, bis auch sie das Monitorbild sah. Sie kannte den Mann.
"Fleet Admiral McCloud hat eben eine Datei für den Dienstgebrauch rübergeschickt", erklärte der Commander. "Sie machen wirklich ernst. Sie wollen das durchziehen."

Ja, seit dem 1. August war nichts mehr so wie es mal war. Die Organisation, der Vruznicek und Jung angehörten, war eine Geheimorganisation gewesen, die Kontakt mit Außerirdischen hielt. Die Mächte der Galaxis waren in verschiedenen Gruppierungen organisiert, eine war das Galaktikum, die andere die UNION DER PLANETEN. Die Regierungen, die das Galaktikum bildeten, waren sich einig gewesen, dass Planeten, die sich noch im Zeitalter der Prä-Interstellar-Astronautik befanden, von Einflüssen von außen geschützt werden müssen, damit sie sich in Ruhe weiterentwickeln konnten. Die Erde war so ein Planet, ihre Lebensform, der Mensch, war als viel zu primitiv angesehen worden, als dass er mit galaktischen Ereignissen klarkommen könnte. Allerdings hatten die Bewohner von ACELS, die ältesten Wesen der Galaxis, ein besonderes Interesse an der Erde, denn sie sahen durchaus Potential in ihren Bewohnern. Also wurde eine Geheimorganisation gegründet, die mit einigen wenigen Menschen Kontakt aufnahm und im Geheimen ihre Forschungsarbeit machte.
Zumindest war das bis letzte Woche so gewesen.

In der Galaxis gab es noch eine Mächtigkeitsballung, die versuchte, ihren Einfluss zu vergrößern, das so genannte unsichtbare Imperium. Das Imperium sabotierte die Versuche der anderen Organisationen, friedlich miteinander auszukommen. Schließlich stellten sie eine große Streitmacht auf, um den SMARAGD-Sektor, in dem die Erde lag, vom Rest der Galaxis abzuriegeln. Dieser Schritt war so unkalkuliert gewesen, dass sich niemand richtig erklären konnte, was das Imperium damit bezweckte. Da der Imperator jedoch nicht bereit war, sich auf irgendwelche Verhandlungen einzulassen und man im Galaktikum befürchtete, das Ziel der Blockade könnte sein, die primitiven Welten des SMARAGD-Sektors zu unterwerfen, wurde die Raumflotte auf den Plan gerufen und mit dem Segen des Galaktikums und der UNION DER PLANETEN machte sich eine Armada auf, um die Blockade zu beenden, notfalls mit Waffengewalt.
Die Reaktion des Imperiums auf diesen Aufmarsch war wiederum mehr als überraschend: Die Raumschiffe gaben die Blockade auf und zogen sich in das Innere des SMARAGD-Sektors zurück. Ihr Ziel war das System Sol. In Sol trafen die Streitmächte aufeinander und es entwickelte sich eine gewaltige Schlacht, in deren Verlauf die Raumstation P.I.S. zerstört wurde, bevor das Imperium sich endgültig zurückzog.

Doch der Schaden war angerichtet: P.I.S. war die Raumstation gewesen, die das RASTER aufrecht erhielt. Dabei handelte es sich um ein Netz aus Psychostrahlen, die verhinderten, dass die Menschen der Erde mitbekamen, was im Weltraum um sie herum so vor sich ging. Nun war guter Rat teuer. Doch die PLANETENUNION und das Galaktikum beschlossen, die Flucht nach vorn anzutreten. Wenn die Menschen der Erde schon Bescheid wussten, dann konnte man sie auch in das galaktische Geschehen einbinden. Und das sollte nun passieren.


Vruznicek deutete auf das Bild von Fleet Admiral McCloud. "Die Raumflotte ASTROCOHORS wird neu aufgestellt und bekommt ein ganz offizielles Hauptquartier auf der Erde", sagte er. "Alle bisherigen geheimen Basen werden Abteilungen der Flotte. Unsere Basis ATLANTIS hier soll die Ausbildung der neuen Kadetten stemmen. Und wir werden einige kriegen, jetzt da die Terraner Bescheid wissen. Jeder möchte doch zu gern Astronaut werden und dorthin gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist."
Natascha fiel auf, wie Vruznicek das Wort "Terraner" benutzte, fast so, als wäre er selbst keiner. Doch er war einer von ihnen, ein auf der Erde geborener Mensch. Er hatte sich nur durch bestimmte Eignungstests, die die Außerirdischen heimlich durchgeführt hatten, als qualifiziert erwiesen, in der Geheimorganisation mitzuarbeiten. Und er war erfolgreich: Seit die Basis ATLANTIS eröffnet worden war, war er ihr Leiter.

"Ich nehme an", brachte Natascha einen anderen Umstand ins Spiel, "dass es kein Zufall ist, dass diese Beschlüsse heute offiziell gemacht werden, oder?"
Der Commander schüttelte den Kopf. Zu sagen brauchte er nichts: 7. August, das Datum kannte jeder, für eine der Basen oder die Raumflotte arbeitete, das war der Tag, an dem der erste Vertrag über die Zusammenführung verschiedener Organisationen zu einem großen Raumflotten und -patrouillenverband unterzeichnet wurde. Der Vorgänger von ASTROCOHORS hatte Form angenommen. Der 7. August war seither ein Feiertag innerhalb der Flotte, und wenn es die Umstände erlaubten, war der Tag dienstfrei.
"Zahlensymbolik", meinte Vruznicek nur.
"Ich verstehe aber nicht", hakte seine Assistentin nach, "warum sie so... hm... sagen wir, nicht positiv gestimmt sind."
"'Nicht positiv gestimmt'", lachte der Commander, "das haben Sie sehr schön gesagt. Na gut, ich sag Ihnen, was los ist: Wir haben doch eben festgestellt, dass ich 74 Jahre alt bin. Ich machte diese Aufgabe hier nur noch, weil niemand anders den Mumm in den Knochen hatte, sie zu übernehmen."
"Oder man fand, dass es niemanden gibt, der Sie ersetzen kann."
"Oder das. Ich habe einen Großteil meines Lebens damit verbracht, diese streng geheime Basis zu leiten. Das hat drei Ehen zerschlissen, aber ich habe es gern gemacht. Und jetzt wird sich alles ändern. Nix mehr mit Geheimnissen. Ich weiß nicht, ob ich dafür noch bereit bin."

Natascha schwieg. Doch Vruznicek unterbrach die Stille sehr schnell. "Es ist schon nach 10.00 Uhr!", stellte er fest. "Also, machen Sie sich keine Gedanken um den alten Kerl, es ist der 7. August. Ab sofort ist dienstfrei, das Wetter ist schön und ich kann mir vorstellen, dass Ihre Kollegen draußen warten, um mit Ihnen einen schönen Tag zu verbringen. Dann los!"

Er wedelte mit der Hand in Richtung der großen Tür in der Glasfront, die offen stand. "Danke, Sir!", meinte Natascha und schlüpfte nach draußen.

ASTROCOHORS: Die Zusammenkunft | Der Auftakt


 Die Situation hat sich grundlegend geändert: Nachdem das RASTER zerstört wurde, das die Erde bisher von den galaktischen Ereignissen abgeschirmt hat, liegt den Terranern nun alles offen. Für die Frauen und Männer der Raumflotte ASTROCOHORS bedeutet dies: Keine Heimlichkeiten mehr vor den Bewohnern des Planeten. Stattdessen soll die Organisation neu aufgestellt werden. Das bedeutet auch einige Änderungen für die BASIS ATLANTIS...

ASTROCOHORS Hauptseite: https://www.astrocohors.de