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Samstag, 27. Februar 2021

Der Zeitplan

 


Das wievielte Gespräch war das eigentlich an diesem Tag? Mittlerweile war es Abend und Commander Jung fühlte sich ausgelaugt. Jetzt würde sie sogar ein Glas von Peltzers Milchersatz trinken, ganz egal. Dann raffte sie sich wieder zusammen. Sie nahm den Ruf an - es war wichtig.

Ein Mann mit Brille erschien auf dem Bildschirm, den sie auf Mitte oder Ende 40 schätzte. "Commander McCrae?", fragte sie.

"Derselbe, der heute auf dem Raumhafen der ATLANTIS mit dem Shuttle angekommen ist und mit dem Elektromobil hundertfünfzig Kilometer weiter gefahren wurde, nur um jetzt per Bildübertragung mit Ihnen zu sprechen", antwortete der Mann. "Wieso haben wir nicht einfach ein Gespräch auf der ATLANTIS geführt?"

Natascha saß da und sagte nichts. Ihr Gehirn fühlte sich an, als würde es aus Soufflé bestehen, das gerade in Gefahr geriet, in sich zusammenzufallen. Die letzten Wochen waren chaotisch genug und ejtzt auch noch das. Irgendjemand hat beim Planen einen Fehler gemacht. Das ärgerte sie, änderte aber nichts. Noch dazu, da die Pläne sowieso ständig geändert wurden. Wie jetzt auch.

"Ich habe keine Ahnung", sagte sie ehrlich. "Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Die Admiralität hat mir gerade vor... ich weiß nicht wann. Es war heute, sehr zur meiner Überraschung. Also." Sie bemerkte, dass ihr Satz wie ein Verkehrsunfall formuliert war, also fing sie nochmal von vorne an: "Was ich sagen wollte, es gab noch eine Änderung in der Planung."

"Warum wundert mich das nicht", fiel ihr McCrae ins Wort.

"Ja, aber in dem Fall ist es wohl ernst. Wir haben das Problem, dass unsere Infrastruktur von Konzernen aufrecht erhalten wird und etwas... vulnerabel ist."

"Das haben Sie sehr schön formuliert. 'Instabil' wäre das Wort gewesen, das mir eingefallen wäre. Aber egal, was ist los?"

"Tatsächlich haben wir einen Agenten des Ungesehenen Imperiums auf VERIS BASTION enttarnt. Das Ablenkungsmanöver hat also wunderbar funktioniert. Leider hat dieser Agent gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt und seinen Leuten Bescheid gegeben. Er hat zwar nicht herausgefunden, was unser Plan ist, aber der Feind ist gewarnt. Wir wollten zunächst den Zeitplan trotzdem einhalten, aber..."

"Nicht 'aber', Commander", meinte McCrae. "Das ist so ein hässliches Wort."

"Doch, leider gibt es ein 'Aber'", stellte Natascha fest. "Ihre Basis befindet sich ja bei Seeweiler, da haben wir verschiedene Dependancen und wir haben eine ungewöhnliche Aktivität von lokaltemporaler Energie festgestellt. Irgendjemand hat ein Feld aufgebaut, das dem Feld des RASTERS sehr ähnlich ist. Wir waren das aber nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass noch mehr Agenten des Ungesehen Imperiums tätig sind und dass das so in Ihrer Nähe stattfindet, beunruhigt uns. Deswegen können wir nicht länger warten. Ich hätte zwar gern den Techniker von VERIS BASTION bei Ihnen gewusst, aber jetzt muss es so gehen. Der Techniker kommt nach. Er hat bereits eine Kanalverschränkung vorgenommen. Jetzt liegt es am Technikpersonal der HEXAPHYRON. Übernehmen Sie die Sendungen von VERIS BASTION und deren Koordination. Auf Befehl von ASTROCOHORS startet jetzt sofort die OPERATION ENTDUMM DICH!"

"Verstanden", antwortete McCrae knapp.

Freitag, 7. August 2015

ASTROCOHORS: Basis ATLANTIS


Commander Vruznicek sah von seiner Arbeit auf, wobei ihm das kleine Display ins Auge fiel, das am Rand seines Schreibtisches, direkt neben dem Foto von seiner vierten Ehefrau und deren Töchter. Das Display hatte eine Funkverbindung zu einem kleinen Sensor mit Sender, der draußen, an der Seitenwand des Gebäudes im Schatten angebracht war.

Das Gebäude wurde im Dienstgebrauch nur als "Gebäude 1" bezeichnet, es hatte drei Stockwerke und ein Dachgeschoss. Auf dem Dach befand sich eine Solaranlage, die das Gebäude bei schönem Wetter mit Strom versorgte. Und schönes Wetter hatte man hier, am Bodensee, häufiger. Vor allen Dingen jetzt, da man so langsam merkte, dass der Klimawandel eben doch kein Hirngespinst, sondern sehr real war.

Vruzniceks Büro befand sich im Erdgeschoss des Gebäudes. Es hatte eine große Glasfront, durch die man den Bodensee sehen konnte. Die Ausstattung des Büros war so, wie man sie erwartet hätte, sehr zweckmäßig, ein Schreibtisch, ein paar Schränke. Der Commander wischte sich den Schweiß von der Stirn. "28 ° Celsius" stand auf dem Display. Das war die Außentemperatur. Aber es waren für den heutigen Tag noch weit höhere Temperaturen angezeigt. Vruznicek atmete tief durch und setzte sich aufrecht hin.

"Ich werde zu alt für diese Scheiße", murmelte er vor sich hin.
"Commander, was muss ich da hören?", wurde er von einer weiblichen Stimme getadelt. Der Angesprochene zuckte zusammen und drehte sich mitsamt dem Stuhl, auf dem er saß, um. "Wie lange stehen Sie schon da?", fragte er etwas empört.
Natascha Jung lächelte verlegen. "Ich bin eben erst reingekommen. Aber trotzdem: Was muss ich da hören, Commander?", meinte sie.
"Soll ich es Ihnen aufschreiben?", knurrte Vruznicek und wiederholte betont: "ICH-BIN-ZU-ALT-FÜR-DIESE-SCHEISSE!"
"Zugegeben, Sie sind kein junger Hüpfer mehr...", fing Natascha an, wurde aber sogleich unterbrochen: "Augenblick mal - für wie alt halten Sie mich?"
Sie blies eine der blonden Locken aus dem Gesicht, die nach vorne gefallen war. "Vruznicek, Jochen", sagte sie fast mechanisch, "Kind eines tschechischen Vaters und einer deutschen Mutter, geboren am 28. Januar 1941 in Iserlohn. Wenn mich meine Rechenkünste nicht völlig im Stich lassen, sind Sie dieses Jahr 74 Jahre alt geworden."
Vruznicek drehte sich zerknirscht zurück zum Schreibtisch. "Ich vergesse immer wieder, warum Sie so eine verdammt gute persönliche Assistentin sind, Natascha", meinte er. "Aber ja, 74. Keiner sollte so lang arbeiten müssen."
"Was ist denn mit Ihnen los? So kenne ich Sie ja gar nicht?"

Vruznicek verzog das Gesicht. Auf dem Bildschirm, der vor ihm stand, war noch immer das Schlussbild der Videodatei zu sehen, die er eben betrachtet hatte. Eingefroren in der Bewegung war ein vielleicht 60jähriger Mann mit hohem Haaransatz zu sehen, dessen Nase aussah wie der Schnabel eines Adlers. Jung schielte an Vruzniceks hoher Stuhllehne vorbei, bis auch sie das Monitorbild sah. Sie kannte den Mann.
"Fleet Admiral McCloud hat eben eine Datei für den Dienstgebrauch rübergeschickt", erklärte der Commander. "Sie machen wirklich ernst. Sie wollen das durchziehen."

Ja, seit dem 1. August war nichts mehr so wie es mal war. Die Organisation, der Vruznicek und Jung angehörten, war eine Geheimorganisation gewesen, die Kontakt mit Außerirdischen hielt. Die Mächte der Galaxis waren in verschiedenen Gruppierungen organisiert, eine war das Galaktikum, die andere die UNION DER PLANETEN. Die Regierungen, die das Galaktikum bildeten, waren sich einig gewesen, dass Planeten, die sich noch im Zeitalter der Prä-Interstellar-Astronautik befanden, von Einflüssen von außen geschützt werden müssen, damit sie sich in Ruhe weiterentwickeln konnten. Die Erde war so ein Planet, ihre Lebensform, der Mensch, war als viel zu primitiv angesehen worden, als dass er mit galaktischen Ereignissen klarkommen könnte. Allerdings hatten die Bewohner von ACELS, die ältesten Wesen der Galaxis, ein besonderes Interesse an der Erde, denn sie sahen durchaus Potential in ihren Bewohnern. Also wurde eine Geheimorganisation gegründet, die mit einigen wenigen Menschen Kontakt aufnahm und im Geheimen ihre Forschungsarbeit machte.
Zumindest war das bis letzte Woche so gewesen.

In der Galaxis gab es noch eine Mächtigkeitsballung, die versuchte, ihren Einfluss zu vergrößern, das so genannte unsichtbare Imperium. Das Imperium sabotierte die Versuche der anderen Organisationen, friedlich miteinander auszukommen. Schließlich stellten sie eine große Streitmacht auf, um den SMARAGD-Sektor, in dem die Erde lag, vom Rest der Galaxis abzuriegeln. Dieser Schritt war so unkalkuliert gewesen, dass sich niemand richtig erklären konnte, was das Imperium damit bezweckte. Da der Imperator jedoch nicht bereit war, sich auf irgendwelche Verhandlungen einzulassen und man im Galaktikum befürchtete, das Ziel der Blockade könnte sein, die primitiven Welten des SMARAGD-Sektors zu unterwerfen, wurde die Raumflotte auf den Plan gerufen und mit dem Segen des Galaktikums und der UNION DER PLANETEN machte sich eine Armada auf, um die Blockade zu beenden, notfalls mit Waffengewalt.
Die Reaktion des Imperiums auf diesen Aufmarsch war wiederum mehr als überraschend: Die Raumschiffe gaben die Blockade auf und zogen sich in das Innere des SMARAGD-Sektors zurück. Ihr Ziel war das System Sol. In Sol trafen die Streitmächte aufeinander und es entwickelte sich eine gewaltige Schlacht, in deren Verlauf die Raumstation P.I.S. zerstört wurde, bevor das Imperium sich endgültig zurückzog.

Doch der Schaden war angerichtet: P.I.S. war die Raumstation gewesen, die das RASTER aufrecht erhielt. Dabei handelte es sich um ein Netz aus Psychostrahlen, die verhinderten, dass die Menschen der Erde mitbekamen, was im Weltraum um sie herum so vor sich ging. Nun war guter Rat teuer. Doch die PLANETENUNION und das Galaktikum beschlossen, die Flucht nach vorn anzutreten. Wenn die Menschen der Erde schon Bescheid wussten, dann konnte man sie auch in das galaktische Geschehen einbinden. Und das sollte nun passieren.


Vruznicek deutete auf das Bild von Fleet Admiral McCloud. "Die Raumflotte ASTROCOHORS wird neu aufgestellt und bekommt ein ganz offizielles Hauptquartier auf der Erde", sagte er. "Alle bisherigen geheimen Basen werden Abteilungen der Flotte. Unsere Basis ATLANTIS hier soll die Ausbildung der neuen Kadetten stemmen. Und wir werden einige kriegen, jetzt da die Terraner Bescheid wissen. Jeder möchte doch zu gern Astronaut werden und dorthin gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist."
Natascha fiel auf, wie Vruznicek das Wort "Terraner" benutzte, fast so, als wäre er selbst keiner. Doch er war einer von ihnen, ein auf der Erde geborener Mensch. Er hatte sich nur durch bestimmte Eignungstests, die die Außerirdischen heimlich durchgeführt hatten, als qualifiziert erwiesen, in der Geheimorganisation mitzuarbeiten. Und er war erfolgreich: Seit die Basis ATLANTIS eröffnet worden war, war er ihr Leiter.

"Ich nehme an", brachte Natascha einen anderen Umstand ins Spiel, "dass es kein Zufall ist, dass diese Beschlüsse heute offiziell gemacht werden, oder?"
Der Commander schüttelte den Kopf. Zu sagen brauchte er nichts: 7. August, das Datum kannte jeder, für eine der Basen oder die Raumflotte arbeitete, das war der Tag, an dem der erste Vertrag über die Zusammenführung verschiedener Organisationen zu einem großen Raumflotten und -patrouillenverband unterzeichnet wurde. Der Vorgänger von ASTROCOHORS hatte Form angenommen. Der 7. August war seither ein Feiertag innerhalb der Flotte, und wenn es die Umstände erlaubten, war der Tag dienstfrei.
"Zahlensymbolik", meinte Vruznicek nur.
"Ich verstehe aber nicht", hakte seine Assistentin nach, "warum sie so... hm... sagen wir, nicht positiv gestimmt sind."
"'Nicht positiv gestimmt'", lachte der Commander, "das haben Sie sehr schön gesagt. Na gut, ich sag Ihnen, was los ist: Wir haben doch eben festgestellt, dass ich 74 Jahre alt bin. Ich machte diese Aufgabe hier nur noch, weil niemand anders den Mumm in den Knochen hatte, sie zu übernehmen."
"Oder man fand, dass es niemanden gibt, der Sie ersetzen kann."
"Oder das. Ich habe einen Großteil meines Lebens damit verbracht, diese streng geheime Basis zu leiten. Das hat drei Ehen zerschlissen, aber ich habe es gern gemacht. Und jetzt wird sich alles ändern. Nix mehr mit Geheimnissen. Ich weiß nicht, ob ich dafür noch bereit bin."

Natascha schwieg. Doch Vruznicek unterbrach die Stille sehr schnell. "Es ist schon nach 10.00 Uhr!", stellte er fest. "Also, machen Sie sich keine Gedanken um den alten Kerl, es ist der 7. August. Ab sofort ist dienstfrei, das Wetter ist schön und ich kann mir vorstellen, dass Ihre Kollegen draußen warten, um mit Ihnen einen schönen Tag zu verbringen. Dann los!"

Er wedelte mit der Hand in Richtung der großen Tür in der Glasfront, die offen stand. "Danke, Sir!", meinte Natascha und schlüpfte nach draußen.